Der Tag danach
- Christian Krknjak
- vor 4 Tagen
- 2 Min. Lesezeit
Es gibt einen Tag, den niemand im Kalender einträgt. Er hat keinen Namen, keine Farbe, keine Erinnerung im Telefon. Und doch kommt er mit einer Verlässlichkeit, die jeden Schweizer Zugfahrplan beschämt.
Der Tag danach.
Er folgt auf die Prüfung, die man bestanden hat. Auf den letzten Arbeitstag vor dem Urlaub. Auf den Abend, an dem man getanzt hat – wirklich getanzt, nicht jenes höfliche Wiegen, das man auf Firmenfeiern vollführt. Auf das Gespräch, das unerwartet gut war. Auf die Begegnung mit jemandem, dessen bloße Anwesenheit den Raum verändert hat.

Der Körper, dieses biochemisch hochkomplexe und moralisch vollkommen unzuverlässige Gebilde, hat in der Nacht zuvor Endorphine ausgeschüttet. Großzügig. Bedenkenlos. Ohne Rücksprache mit dem Besitzer. Und am nächsten Morgen – pünktlich, nüchtern, ohne Vorwarnung – stellt er die Produktion ein.
Was folgt, ist kein Schmerz. Es ist eine Abwesenheit. Der leichte Grauschleier über einem Tag, der objektiv vollkommen in Ordnung ist. Die Stille nach der Musik. Das Ende des Films, wenn das Licht wieder angeht und man feststellt, dass man immer noch im selben Sessel sitzt wie vorher.
Das Tückische daran: Man kann es nicht planen. Man kann keine Termine mit dem Glück vereinbaren. Man kann kein Meeting anberaumen mit dem Titel „Schöner Abend, bitte vorbereitet erscheinen." Man kann lediglich – und das ist die bescheidene Kunst des Lebens – ein Umfeld schaffen, in dem solche Momente wahrscheinlicher werden. Die Tür öffnen. Hingehen. Bleiben.
Ob man den Tag danach mag?
Eine schwierige Frage. Er ist unbequem. Er erinnert daran, dass das Schöne endlich ist – nicht irgendwann, sondern bereits gestern Nacht. Er ist der stille Beweis dafür, dass man etwas empfinden kann. Dass etwas angegangen ist, das angehen konnte.
Der Entzug setzt nur ein, wenn vorher etwas da war.
Und das, bei näherer Betrachtung, ist vielleicht keine Klage. Sondern eine sehr stille Form von Dankbarkeit.





