Gleichheit vor dem Gesetz
- Christian Krknjak
- 11. Juni
- 1 Min. Lesezeit
Ich bin heute exakt 100 km/h gefahren. Nicht ungefähr. Nicht gefühlt. Exakt. Mein Fahrzeug verfügt über einen Assistenten, der darüber wacht, dass ich mich an die Regeln halte – eine Funktion, die ich, wie sich zeigen sollte, dringend benötige. Andere offenbar nicht.

Denn hinter mir tauchte die Polizei auf. Genauer: die Hundestaffel. Und sie überholte mich – mit jenem entspannten Schwung, den man nur entwickelt, wenn man weiß, dass einem niemand folgt, der einen aufhalten könnte. Kein Blaulicht. Kein Martinshorn. Kein Sonderrecht. Nur: Tempo.
Ich sah ihnen nach und dachte an die Grundpfeiler unseres Rechtsstaats. Gleichheit vor dem Gesetz. Vorbildfunktion des Staates. Den kategorischen Imperativ. Und dann dachte ich: 70er Zone. Ebenfalls flott.
Nun sitze ich hier und ordne meine Gefühle.
Ich bezahle, über meine Steuern, das Gehalt jener Menschen, die mich beim Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit mit einem Bußgeld bedenken, das meinen Monat nachhaltig prägt. Ich tue das gerne. Ich tue es im Vertrauen darauf, dass Regeln für alle gelten.
Dieses Vertrauen wurde heute, auf einer Landstraße zwischen Heidenheim und dem Horizont, mit Schwung überholt.
Ohne Blaulicht. Ohne Sonderrecht. Und ohne mit der Wimper zu zucken.
Die Hunde auf der Rückbank wirkten unbeeindruckt. Sie kennen das vermutlich.


